Das Manko der heutigen Medizin

Es gibt doch Wissenschaft, es gibt Universitäten, es gibt Leitlinien, es gibt Studien, es gibt die Hochschulmedizin! ... Weshalb fangen jetzt Therapeuten selbst zu forschen an? Und wofür brauchen wir therapeutische Vielfalt?

"Da kann man nichts machen, die Krankheit ist unheilbar!"

Diesen Satz haben viele Patienten mit chronischen Krankheiten sicherlich schon oft gehört. Und chronische Krankheiten, die aus Sicht der Schulmedizin als unheilbar gelten, gibt es viele und sie betreffen viele Menschen. Doch ist das so mit dem "Unheilbar" oder könnte mit den heute vorhandenen Therapiemitteln vieles schon längst geheilt sein, wenn man interdisziplinäre Scheuklappen zwischen Allgemeinmedizin und Alternativmedizin entfernt? Die Alternativmedizin wird häufig als wissenschaftlich nicht bewiesener Humbug hingestellt. Warum ist das so und wie evident, stimmig und aussagekräftig ist die Hochschulmedizin eigentlich selbst? Hier geht´s zu den nackten Fakten ...


1. Allgemeinmedizin alleine bringt es nicht - wir brauchen Vielfalt in der Medizin!

Dank der medizinischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte werden wir zwar alt, aber nicht wirklich gesund! Wer heute in Deutschland zur Welt kommt, wird statistisch knapp 81 Jahre alt und verbringt davon ein Viertel seines Lebens bei „selbst wahrgenommener, lang andauernder, gesundheitlicher Einschränkung bei üblicherweise ausgeübten Tätigkeiten“. Dabei sind Menschen in Pflegeheimen bei der Statistik EU-SILC "Gesunde Lebensjahre" noch nicht einmal berücksichtigt!

Die Stärke der Allgemeinmedizin liegt darin zu helfen, wo unser Organismus dazu selbst gerade nicht in der Lage ist. Damit kann man wunderbar Leben retten und unser Leben verlängern. Aber in puncto Lebensqualität, Symptomfreiheit, Unabhängigkeit von Arzneimitteln und deren Nebenwirkungen haben wir die letzten Jahrzehnte kaum Fortschritte gemacht. Das muss besser werden! - was durch therapeutische Einbindung der auf "Hilfe zur Selbsthilfe" ausgerichteten Komplementärmedizin ohne weiteres möglich sein sollte.

 

Weitere Folgen aus dem "Älter, aber nicht wirklich gesund werden" sind explodierende Kosten im Gesundheitswesen und eine erschöpfte Ärzteschaft, von der demografisch bedingt 1/3 die nächsten 5 Jahre in Rente geht. In der Psychotherapie beträgt die durchschnittliche Wartezeit bereits heute 6 Monate. Wie lange unsere dezimierte und erschöpfte Ärzteschaft den Bedarf einer alternden Gesellschaft noch decken kann, darf ruhig in Frage gestellt werden. Unser Gesundheitssystem steuert in der bisherigen Ausrichtung auf eine Wand! Eine therapieübergreifende Herangehensweise ist auch in dieser Hinsicht der vielversprechendste Lösungsansatz.


2. Die Finanzierungsgrundlage bestimmt den Blickwinkel der Wissenschaft und der ist damit sehr einseitig!

In Deutschland hält sich der Staat größtenteils aus der medizinischen Forschung heraus - die Hauptlast der Kosten für medizinische Forschung und Entwicklung trägt die Wirtschaft. Dass Pharmaunternehmen keine Studien zur Wirksamkeit von Homöopathie & Co. fördern ist mehr als verständlich - es wäre aus deren Sicht ein wirtschaftlicher Hirnschuss! Naturheilmittel sind zudem nicht patentierbar und viele Verfahren wie EFT, EMDR, Hypnose erfordern keinerlei Arznei, womit sich also nichts verdienen lässt.

 

Von den vergleichsweise geringen Mitteln, welche die öffentliche Hand selbst in medizinische Forschung steckt, gehen derzeit weniger als 1 % in die Erforschung der Naturmedizin. Viele der mehr als 150 alternativmedizinischen Therapieverfahren bleiben dabei wissenschaftlich gänzlich unbeleuchtet.


Dass viele alternativmedizinische Verfahren wissenschaftlich nicht bewiesen sind, liegt schlichtweg daran, dass sie wissenschaftlich kaum untersucht wurden!


3. Medizinische Forschung muss sauber werden

Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Studien basiert auf massiven Interessenskonflikten! Laut Leitlinienwatch werden aktuell* nur 16 % von 179 untersuchten Studien in puncto Interessenskonflikten als gut eingestuft. Der Durchschnitt liegt bei 6 Punkten von 18 - unter 6 Punkten sieht Leitlinienwatch dringenden Reformbedarf!

*Stand 31.08.2019

 

Interessenskonflikt heißt: Auf das Studienergebnis haben Wissenschaftler Einfluss, die gleichzeitig auf der Gehaltsliste des Unternehmens stehen, das großes Interesse an einem positiven Ergebnis der Studie hat. Ein entwickeltes Arzneimittel nicht auf den Markt zu bringen, bedeutet für Unternehmen große Verluste.


4. Eine Wissenschaft mit verzerrten Ergebnissen!

Die sogenannte Publikationsbias in der Wissenschaft besagt, dass Studien mit positiven Ergebnisse bevorzugt veröffentlich werden – negative Ergebnisse fallen häufiger unter den Tisch, was die Gesamtinterpretation erheblich verzerren kann! Man kann in Studien verschiedene Parametern beleuchten: Z.B. kann man bei einem Diabetesmedikament auswerten, ob es den Blutzucker senkt (Studie A). Man kann aber auch beleuchten, ob das Medikament bei sogenannten Endpunkten wie der Lebenserwartung (Studie B) Besserungen bewirkt. Wenn Studie B in puncto verbesserte Lebenserwartung negativ ausfällt und im Zulassungsverfahren keine Beachtung findet, dann haben wir in diesem vereinfachten Beispiel eine Diabetesarznei mit Nebenwirkungen, die nur auf einen Laborparameter wirkt, aber effektiv nicht bei unserer Gesundheit ankommt!

Ben Goldacre, britischer Arzt und Mitbegründer von ‚All Trials‘, bezeichnet den Publikationsbias als den ‚Krebs der evidenzbasierten Medizin‘


5. Über die Studienlage zur Alternativmedizin

Es gibt zahlreiche Studien über die Wirksamkeit von Homöopathie & Co., es gibt auch Studien, bei denen keine Wirksamkeit nachgewiesen wurde (aber das gibt es auch en masse bei der Hochschulmedizin - siehe Publikationsbias). Die Frage ist auch, inwiefern Standards in der wissenschaftlichen Herangehensweise 1:1 auf alternativmedizinische Verfahren angewandt werden können. Wie das folgende Beispiel einer Metastudie über Bachblüten zeigt, muss auch infrage gestellt werden, ob in Forschungsinstituten ausreichend Know-how vorhanden ist, um komplementärmedizinische Verfahren zu untersuchen.


Beispiel Metastudie über Bachblüten:

In einer Metastudie über Bachblüten wurde alles zusammen getragen, was bis Juni 2008 an Studienmaterial gefunden werden konnte. Aus 181 Artikeln, Studien und Erfahrungsberichten entsprachen nur 4 RCT-Studien halbwegs einer evidenzbasierten Herangehensweise. Bei 3 dieser 4 Studien wurde Studenten die Bachblütenmischung Rescue Remedy verabreicht mit dem Ziel Prüfungsängste zu mildern. Die Crux an der Sache ist: Die wichtigsten Bachblüten für Prüfungsängste, nämlich Elm (Überforderung, Black out) und Larch (Lampenfieber, M.a. Selbstvertrauen) sind in dieser Mischung nicht enthalten! So verwundert es kaum, dass bei der Studie herauskam: Bachblüten erzeugen einen beachtlichen Placeboeffekt, aber sind wirkungslos!

 

Die Qualität der wissenschaftlichen Herangehensweise an das Potenzial der Bachblütentherapie kann man in etwa damit vergleichen, wie wenn man versucht mit einem Gabelschlüssel an einer Kreuzschlitzschraube zu drehen! Und obwohl die Studie zudem laut den Autoren mangels wissenschaftlich verwertbarem Material wenig bis sehr wenig Aussagekraft hatte, wurde die Bachblütentherapie danach in der medizinischen Fachwelt als alternativmedizinischer Humbug in der Luft zerrissen!


6. Medizinische Leitlinien ohne  Komplementärmedizin als Status quo?

In medizinischen Leitlinien erhalten Ärzte und Angehörige aller Gesundheitsberufe Informationen darüber, was gerade als Status quo einer angemessenen Gesundheitsversorgung angesehen wird. Leitlinien werden von der Bundesärztekammer, Kassenärztlichen Bundesvereinigung und AWMF (Arbeitsgemeinschaften der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.) ausgegeben. Problem ist:

  • Leitlinien mit einer hohen Evidenzgrundlage (Aussagekraft) erfordern viel Zeit (im Schnitt mindestens 2 Jahre) und Geld (für eine S3-Leitlinie bis zu 250.000 EUR). Deshalb ist auch in der Hochschulmedizin nicht alles, was therapeutisch gerade als Usus gilt, bis ins letzte Detail erforscht und nachvollzogen. Knapp 70 % sind nur S1 Leitlinien, heißt von einer Expertengruppe in informellem Konsens erarbeitet.
  • je höher die Evidenz (Aussagekraft) einer Leitlinie, desto länger dauert deren Erstellung und desto geringer ist deren Aktualität. Nach 2 Jahren Entwicklungszeit einer Leitlinie, ist vieles schon wieder überholt.
  • Leitlinien gelten zwar für alle, bilden selbst aber nur einen niedrigschwelligen Konsens weniger Experten anhand deren individueller Sichtweise
  • Leitlinien widersprechen sich teils in der Aussage (z.B. Leitlinien der EU und USA)
  • nur 2 von 179 Fachgesellschaften der AWMV vertreten die klassische Naturheilkunde; andere Verfahren der Alternativmedizin haben keinerlei Mitgestaltungsmöglichkeit --> damit bleibt die Performance in der Medizin weit hinter den bestehenden Möglichkeiten!

7. Eine riesige therapeutische Vielfalt ohne Transparenz und Struktur

Es gibt die Schulmedizin, die Naturheilkunde und rund 150 Therapieverfahren der sogenannten Alternativmedizin. Standardmäßig wird Patienten aus dieser bunten Vielfalt nur die Schulmedizin angeboten.

 

Bei chronischen Krankheiten gibt es mindestens 8 Therapieebenen, die in puncto Wurzeln, Sub-Ursachen und Symptomausbildung einer Krankheit alle gesundheitsrelevant sein können! Betrachtet man nebenstehende Übersicht der Therapieebenen, so verwundert es kaum, dass die Ergebnisse bei der Heilung chronischer Krankheiten äußerst durchwachsen sind. Schließlich ist es allgemein üblich, auf einzelne Therapieverfahren und damit einzelne Therapieebenen beschränkt zu arbeiten.

 

Doch um die Vielfalt der Medizin nutzen zu können, stellt sich die Frage: Wer kann was und wann am besten zu wem? Wir brauchen deshalb:

  • Transparenz der Wirkweise und des Wirkspektrums der Therapieverfahren
  • Therapieübergreifende Strategien zu deren gezieltem Einsatz im Heilungsprozess

Unser Fazit

  1. Die Forschung der Hochschulmedizin ist zweifellos wichtig und richtig. Aber es gibt dort drängende Hausaufgaben "im eigenen Stall" in puncto "Sauberkeit" der Forschungsgrundlage.
  2. Wenn wir statt nur länger zu leben auch gesünder werden wollen und unser Gesundheitssystem nicht komplett den Bach runter gehen soll, brauchen wir die Vielfalt in der Medizin!
  3. Für die etablierten, komplementärmedizinischen Verfahren wie Homöopathie, klassische Naturheilverfahren gibt es vielfach bereits Studienmaterial zu deren Wirksamkeit, das von allgemeinmedizinischen Hardlinern jedoch gerne ignoriert wird.
  4. Unser Staat kann nicht weiterhin die Hände in den Schoß legen und die wissenschaftliche Forschung im jetzigen Ausmaß in die Hände der Wirtschaft legen.
  5. Die Alternativmedizin war in den letzten Jahrzehnten mangels Finanzmittel wissenschaftlich weitgehend ausgeblendet. Hier besteht enormer Nachholbedarf an wissenschaftlicher Forschung, die staatlich gefördert werden muss!
  6. Für die Untersuchung der Wirksamkeit alternativmedizinischer Verfahren müssen zielführende Evaluationskriterien entwickelt werden
  7. Die Untersuchung von alternativmedizinischen Verfahren erfordert einen Know-how-Austausch zwischen Wissenschaftlern und Therapieexperten
  8. Um auf allen relevanten Therapieebenen gezielt arbeiten zu können, brauchen wir Transparenz der therapeutischen Vielfalt und therapieübergreifende Strategien.
  9. In künftige Leitlinien muss zur bestmöglichen Gesundheitsversorgung der Bevölkerung auch das Potenzial komplementärmedizinischer Therapieverfahren einfließen.